Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11 Dezember 2010

Perfekte Grat Wanderung: Das russische Atrium Quartett in der Alten Oper

        Ein fein gedeckter Ton mit sparsamem Vibrato-Einsatz, frei von romantischen Schwulst, sogar eher klassizistisch im Ansatz: In dieser Darstellung wirkt Tschaikowskys Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 11 vornehm-dezent und sehr s.timmig. Beim jungen Atrium Quartett bekommt so selbst das Scherzo, das auch aufstampfend und derb gespielt werden koennte, toenzerische Eleganz.

        Das Quartett, das sich schon vor zehn Jahren am Sankt Petersburger Konservatorium gruendete und seine Ausbildung in Amsterdam und Berlin fortsetzte, strafte nicht nur mit Tschaikowsky, sondern mit seinem ganzen, seinem Heimatland gewidmeten Programm alle Klischees einer vermeintlich typisch russischen Musizierhaltung Luegen. Den pathosschwangeren, «grossen» Ton suchte man bei Alexey Naumenko und Anton Ilyunin (Violinen), Dmitri Pitulko (Viola) und Anna Gorelova (Cello) beim Kammerkonzert der Frankfurter Museums-Gesellschaft in der Alten Oper vergeblich.<--break->        Besonders plastisch in der Aussage vermittelten  sie Schostakowitschs  Streichquartett Nr. 10 As-Dur op. 118. Geschickt verklammert erschienen dabei die beiden langsamen Saetze mit ihrem kargen, elegischen Ton und die Allegretto-Saetze mit ihren wildgrotesken Zuegen. Vor allem wurde deutlich, wie treibende rhythmische Motive, die sich bei dem hohen, vom Ensemble noch geschaerften Dissonanzgrad im Allegretto furioso in geschrubbtem Ton mit brachialer Gewalt aufschwingen, im Finale ihre Daempfer bekommen. Ja, ganz am Ende werden sie sogar gezwungen, ganz lieb und zahm zu sein: als werde ein gewalttaetiger Grobian oder boeser Daemon mit den Mitteln der Kunst niedergerungen. Aus dieser Sicht gehoert das 1964 komponierte Werk zu Schostakowitschs Lebensthema, der Auseinandersetzung mit der Kunst-Repression in der Sowjetunion.

        Wie zum Ausgleich fuer diese Bissigkeiten liess das Atrium Quartett das zweite Streichquartett D-Dur von Alexander Borodin folgen, voller Charme schon im ersten Satz, der bei all seiner kompositorischen Dichte hier einen leicht lyrischen, taendelnden Charakter annahm. Artifiziell, mit einer subtilen Art von Wiener Schmaeh walzerte das Scherzo vorueber. Von der emotionalen Fertigkeit des jungen Ensembles zeugte aber am deutlichsten das Notturno, das nur zu leicht ins suesslich Kitschige kippen kann, sich so aber genau auf dem Grat hielt. Das Finale mit den staendig dreinfahrenden, sehr kryptischen, jedoch zum Hinhoeren zwingenden Gesten liess am Ende schmunzeln, als sich das Raetsel mit trockenem Humor aufloeste. Die schroffe Geste bleibt ein «blindes», nicht ausgearbeitetes Motiv, fuegt sich aber zumindestens noch einmal in die Schlusswendung. 

Guido Holze

 

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